Zum 60. Todestag von Mahatma Gandhi

Am 30. Januar 1948 wurde Mahatma Gandhi auf dem Weg zur täglichen Gebetsversammlung von einem fanatischen Hindu erschossen. Er starb mit den Worten «Rama – Rama…» (Gott) auf den Lippen. Damit erlosch eine der bemerkenswertesten, faszinierendsten und leuchtendsten Gestalten des letzten Jahrhunderts.

Kaum jemand hat im 20. Jahrhundert im sozialen und politischen Bereich so revolutionierend gewirkt wie Mahatma Gandhi (1869 – 1948). Mit seiner Strategie des gewaltfreien Widerstands, die er in den ersten 20 Jahren seiner Anwaltstätigkeit in Südafrika entwickelte, führte er in jahrzehntelangen Anläufen und mit immer neuen und neuartigen Mobilisierungsaktionen Indien zur ersehnten Unabhängigkeit. Mit der aktiven Gewaltfreiheit schenkte er der Welt einen neuen Weg politischer Auseinandersetzung. Dieser kann – als Alternative zu Gewalt und Krieg – mithelfen, Unrecht ohne Blutvergiessen zu überwinden und Konflikte ohne Opfer und Zerstörung zu lösen – ein immenser, aber noch kaum gehobener Schatz für eine friedlichere Welt!

Gewaltfreier Widerstand ist wirksam

Die damalige britische Kolonialregierung war durchaus nicht so zivilisiert, wie immer wieder unterstellt wird. Sie schreckte nicht vor brutaler Gewalt zurück: 1919 liess General Dyer während der grossen Massenproteste in die demonstrierende Menge schiessen: 379 Menschen wurden getötet, über 1000 verletzt. Umgekehrt war Gandhi zu Beginn auch in seiner Bewegung mit gewaltbereiten Anhängern konfrontiert, es gelang ihm aber dank seiner genialen und mutig-wirksamen Strategie, diese in seinen gewaltfreien Kampf einzubinden. Sein Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit), wie Gandhi seine neue Strategie nannte, war nicht primär aus der östlichen Mentalität entstanden, wie viele bis heute glauben machen wollen; auch in Indien und im übrigen Asien kam es damals wie heute immer wieder zu grausamen Gewaltausbrüchen und Brutalitäten.

Wohl die entscheidendste Einsicht von Gandhi war die Entdeckung, dass seelische oder geistige Kraft stärker ist als alle Gewalt. Gewalt führt in der Regel nur zu noch mehr Gewalt: Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Die Kraft der Wahrheit, die das Gute sucht, ist ihr unendlich überlegen. Denn jeder Mensch strebt letztlich darnach, aus seiner Sicht das Richtige zu tun – auch sogar wo er zur Gewalt greift. Indem der oder die Gewaltlose nicht wieder mit Gewalt reagiert, sondern sich zwar widersetzt, aber lieber selber den Kopf hinhält und Gewalt auf sich nimmt, wird die Gewaltkette durchbrochen. Damit kommt die Gewalt an ein Ende, wird etwas Neues möglich.

Geradezu steinzeitlich wirkt demgegenüber die heutige weltweite Aufrüstungs- und Abschreckungspolitik: Der Krieg gegen den Terrorismus sucht Gewalt mit immer noch mehr Zerstörung zu besiegen, und schafft dabei nur immer noch mehr Terroristen. Gewaltfreiheit dagegen weigert sich, den oder die GegnerIn als Feind oder Feindin zu sehen, den Menschen mit dem Bösen zu identifizieren und deshalb zu vernichten. Im Gegenteil: Eine gewaltfreie Haltung ist sich bewusst, dass auch die Unterdrücker in ihrer Rolle, ihren Ängsten und Irrtümern gefangen sind, und dass es darum geht, sowohl Unterdrückte wie Unterdrücker zu befreien. Dies aber kann am besten nicht mit Drohung geschehen, sondern mit der eigenen Leidensbereitschaft. Gewaltfreiheit bezieht ihre dynamische Kraft aus der Bereitschaft, für die eigene Überzeugung Sanktionen in Kauf zu nehmen. Diese Risikobereitschaft kann Gegnern die Augen öffnen, kann SympathisantInnen gewinnen und damit eine Bewegung stärken. Sie eröffnet auch heute in vielen sozialen Konflikten einen fruchtbaren und konstruktiven Weg – ein Gebot der Stunde.

Aktive Gewaltfreiheit attackiert die Wurzeln der Gewalt

Gandhi war revolutionär in seiner Schau der Zusammenhänge. Es war ihm sehr wohl bewusst, dass Unabhängigkeit Indiens ohne demokratische Gesellschaft, wirtschaftliche Autonomie, religiöse Toleranz zwischen Hindus und Muslimen und Gleichwertigkeit der Benachteiligten (Unberührbare) nicht wirklich Freiheit für die Menschen bedeutet. Deshalb wehrte er sich mit Händen und Füssen gegen eine Teilung Indiens – in Vorahnung der blutigen Massaker die folgen würden – und beging den Unabhängigkeitstag als Trauertag. Deshalb nahm er demonstrativ Unberührbare in seinen Ashram auf, und nahm dafür in Kauf, dass ihm prominente Gönner ihre Geldspenden entzogen. Lange vor dem Friedensforscher Johan Galtung vertrat Gandhi somit einen umfassenden Gewaltbegriff, der die Auswüchse der Gewalt auf ihre Ursachen, nämlich Armut, Not, Verzweiflung, Abhängigkeit und Unwissen zurückführte, und zu ihrer Beseitigung aufrief. «Was denken Sie über die westliche Zivilisation?» soll ihn ein Reporter gefragt haben. Gandhi: «Ich denke, es wäre eine wundervolle Idee!»

Gandhi wagte es, tiefverwurzelte Gewohnheiten und Ungleichheiten infragezustellen, und sich mutig gegen damalige Normen aufzulehnen. Der Mut, ungeachtet der Konsequenzen auf die eigene ‘leise innere Stimme’ zu vertrauen statt sich der öffentlichen Meinung anzupassen – diese Zivilcourage zeichnet eigenständig denkende Menschen aus. Sie sind es, die Machtmissbrauch und menschenverachtenden Tendenzen – wie die jüngste Geschichte lehrt – die Stirn bieten können.

Konstruktives Programm

Gandhi betonte beharrlich, dass gewaltfreie Veränderung auf zwei Beinen gehe: Einerseits gewaltfreier Widerstand gegen Unrecht, andererseits Aufbau einer alternativen Gesellschaft. Deshalb entwarf er ein «Konstruktives Programm» für sein Agrarland Indien, das auf der Entwicklung autonomer Dorfgemeinschaften basierte: In Anlehnung an den englischen Sozialphilosophen John Ruskin forderte er für die Millionen armer Dorfbewohner das Recht, aber auch die Pflicht zur Handarbeit: Jeder Mensch soll zur Deckung seiner lebensnotwendigen Grundbedürfnisse mit seinen eigenen Händen beitragen: sein Wahrzeichen war fortan das Spinnrad. Damit wollte er gleich mehrere Ziele gleichzeitig erreichen: Manuelle Arbeit schenkt jedem Menschen Sinn und Würde. Sie trägt zum Lebensunterhalt bei und ermöglicht damit Selbständigkeit. Wenn alle mit ihren Händen das Nötige möglichst selber produzieren, wird damit die menschenunwürdige Fliessbandarbeit und Ausbeutung in industriellen ‘Schwitzfabriken’ weitgehend überflüssig. Und erst noch ist die lokale Produktion umweltfreundlich und überschaubar, und stärkt dadurch die demokratische Mitsprache und Unabhängigkeit im Kleinen.

Ein solches ökonomisches Entwicklungskonzept mutet auf den ersten Blick überholt an – aber könnte es sein, dass es angesichts einer immer technisierteren Welt, einer immer grösseren Kluft zwischen Arm und Reich und angesichts von Klimawandel und Ölverknappung einen zukunftsgerichteten Ausweg aus Arbeitslosigkeit, Armut, Ausbeutung und Umweltzerstörung anbietet? Beschränkung und Selbstgenügsamkeit könnten allen Menschen genügend Mittel für ein dezentes Leben ermöglichen, und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten. Oder wie Gandhi es formulierte: «Es gibt nicht genügend Ressourcen für die Gier (greed) der Menschen, aber für ihre Grundbedürfnisse (needs)». ‘Small is beautiful’ – diese Devise hat in meinen Augen nichts von ihrer Aktualität eingebüsst.

Im Zeitalter der Umweltbelastung und knappen Ressourcen ist vor allem seine Idee der Trusteeship zukunftsweisend, Damit meint Gandhi, dass alle Ressourcen der Natur den Menschen nicht als Eigentum zustehen, sondern ihnen nur als Treuhänder geliehen werden. Das Bewusstsein, die Schätze der Natur nur als Lehen auf Zeit zu geniessen, könnte eine neue Haltung und Umgang mit der Umwelt ermöglichen.

Veränderung fängt im eigenen Alltag an

Gandhis Besonderheit lag auch darin, dass er politische Veränderung und persönlichen Wandel unlöslich miteinander verband. Er predigte nicht nur, er ging mit gutem Beispiel voran: Seine «Experimente mit der Wahrheit» umfassten alle Lebensbereiche: Das Leben in der Ashram-Lebensgemeinschaft, Versuche mit allerlei Diäten und Enthaltsamkeit, medizinische Naturheilverfahren, neue praxisbezogene Erziehung mit Kopf, Herz und Hand, genaueste Zeiteinteilung und Planung, das Teilen der gemeinsamen Güter: Nie ging es ihm dabei darum, eine Schule oder ein geschlossenes Lebenssystem zu entwerfen: Im Gegenteil, er ermutigte seine Anhänger, ihre eigenen ‘Experimente’ zu wagen, zu widersprechen, neue Wege zu gehen.

Mit seinem rigorosen Lebensstil war Gandhi zwar prägend für viele und vollbrachte eine ungeheure Arbeitsleistung; gleichzeitig sollen auch die Schattenseiten nicht verschwiegen werden. An seine eigene Familie legte er die gleichen strengen Massstäbe an; zuweilen behandelte er seine Frau und seine Kinder unglaublich hart und kompromisslos, wie er mit schonungsloser Offenheit in seiner Autobiographie selber beschreibt. Seine Kinder litten darunter und flüchteten sich z.T. in Alkoholismus. Mit seiner Frau Kasturbai zusammen versuchte er zwar die Frauen zu fördern; sein Verhalten in Ehe und Familie trug aber noch patriarchale Züge. Seine charismatische Führung der Unabhängigkeitsbewegung vermochte zwar Millionen zu begeistern, aber machte ihn auch zu einer einsamen und exponierten Führerfigur. Für Gandhi spricht, dass er dabei bescheiden und offen blieb für Einwände und Kritik, und bereit, seine Einstellung jederzeit zu revidieren. Mit seinem Humor vermochte er immer wieder schwierige Situationen zu entschärfen.

Radikalität

Gandhis Durchschlagskraft beruhte nicht zuletzt auf seiner Radikalität: In seiner Kleidung glich er sich mit seinem Lendentuch schrittweise den Ärmsten Indiens an. In der Anfangszeit der Befreiungsbewegung rief er die Inder auf, die Universitäten, die Richter- und Verwaltungsämter der Briten zu boykottieren; ihre Stoffe zu verbrennen.

Als er zu seinem berühmten Salzmarsch vom Sabarmati-Ashram aufbrach, schwor er, nicht in seinen Ashram zurückzukehren, bevor Indien frei sei. Insgesamt über 6 Jahre seines Lebens verbrachte Gandhi in Gefängnissen. Indem er mit seinem Zivilen Ungehorsam furchtlos seinen Landsleuten ins Gefängnis voranging, löste er eine ungeheure Welle des Mutes und der Hingabe aus: Tausende brachen 1931 das Salzmonopol der Engländer und wanderten ins Gefängnis: Auf dem Höhepunkt der Salzkampagne waren 70 000 InderInnen inhaftiert – eine gewaltlose Auseinandersetzung auf Biegen und Brechen mit der britischen Kolonialregierung, die ihr deutlich machte, dass ihre Tage gezählt waren. Das Neue an Gandhis Handeln war seine Verbindung von Radikalität und Gewaltfreiheit: Die energische Hingabe – gekoppelt mit dem Verzicht auf Drohung, Zwang und Gewalt: Ich denke, eine solche gewaltfreie Einsatzbereitschaft kann auch heute Berge versetzen!

Religion und Politik

Vielleicht die grösste Bedeutung Gandhis für heute liegt aber in seiner besonderen Verbindung von Religion und Politik. Im Gegensatz zur heute herrschenden Anschauung in der Politik sind Religion und Politik für Gandhi nicht zwei getrennte Bereiche mit je ihren eigenen Gesetzlichkeiten. Deshalb verwirft er die gängige Politik-Auffassung, die für einen guten Zweck notfalls auch Gewaltmittel erlaubt. Denn diese korrumpieren unweigerlich die hehren Ziele: Gewalt ruft nach bedingungslosem Gehorsam, Brutalität, Hierarchie, dem Recht des Stärkern; dabei gerät aber alles, was mit Liebe, Freiheit, Achtung und Wertschätzung zu tun hat unter die Räder. Erst recht lehnt er deshalb allen religiösen Fundamentalismus mit seiner Zweiteilung der Welt in Gut und Böse und der Rechtfertigung der Gewalt gegen religiöse Feinde ab.

Vielmehr geht es Gandhi um das Festhalten an den religiösen Werten und Moral auch in Konflikten aus der Einsicht heraus, dass gute Ziele nur durch gute Mittel erreicht werden können – und dass umgekehrt der Weg schon das Ziel ist. An mir als einzelnem Menschen liegt es, meinen Teil der Verantwortung für eine friedliche Welt schon zu leben, und damit meinen Baustein zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen. Vielleicht bleibe ich allein, habe ich nach aussen keinen Erfolg: Trotzdem ist ein erster Schritt gemacht, der seinen Wert und seine Verheissung in sich trägt. Dieses Streben nach ‘Wahrheit’, die nur je vom einzelnen Menschen entdeckt und errungen werden kann, aber dem Leben und jedem guten Schritt erst seinen Sinn gibt, ist für Gandhi letztlich in seiner religiösen Überzeugung begründet. Auch hierin aber ist Gandhi modern: Nicht in seinem Hinduismus, nicht in einer bestimmten Religion, sondern in seinem Glauben an eine letzte göttlichen Wahrheit und Kraft hinter allen Religionen. Nicht Gott ist Wahrheit, sondern Wahrheit ist Gott, fasst Gandhi seine Überzeugung zusammen.

Ueli Wildberger

Zum Autor:
Ueli Wildberger ist Mitarbeiter beim Forum für Friedenserziehung, dem Deutschschweizer Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR). Der IFOR wurde nach dem 1. Weltkrieg 1919 gegründet und vereinigt in über 50 Ländern Menschen, die sich im Sinne Gandhis und Martin Luther Kings auf interreligiöser Grundlage für aktive Gewaltfreiheit auf der persönlichen wie gesellschaftlichen Ebene einsetzen.
Forum für Friedenserziehung, Magnihalden 14, Postfach 325, 9004 St.Gallen
Tel 071 244 17 37, fff.ifor@bluewin.ch, www. friedenserziehung.ch

Literaturhinweise:
* M.K.Gandhi: Autobiographie, Hinder + Deelmann-V, Gladenbach 1991
* My life is my message, Leben und Wirken M.K.Gandhi, WeZuCo, Kassel 1988
* George Woodcock: Der gewaltlose Revolutionär, WeZuCo, Kassel 1983
* Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi, der Revolutionär der Gewaltlosigkeit, Piper-V, Zürich, 1989
* Dieter Conrad: Gandhi und der Begriff des Politischen, Fink-V, München 2006

3 Kommentare

  1. Hüfler, Wilfried
    geschrieben am 31. Januar 2008 um 10:38 Uhr | Permalink

    Interessant wäre zu untersuchen, wie weit Gandhis Prinzip der Gewaltfreiheit aktiv in Mitteleuropa praktiziert worden ist und wie weit dem die Satyagraha als geistiger Kern im praktischen Nachvollzug zugrunde lag (und liegt). Zu denken wäre hier z.B. an die Graswurzelbewegung, an Uwe Painke (den ich im Zusammenhang mit dem gewaltfreien Protest gegen Atomraketen im deutschen Büchel kennen lernte), überhaupt den lebenslangen Einsatz gegen zivile und besonders militärische Nutzung der Atomenergie des Stuttgarter Friedensforschers Dr. Wolfgang Sternstein, und schließlich an den “radikalen” Gandhi-”Schüler” Hartmut Gründler M.A., den Gründer des Tübinger Bundes für Umweltschutz, der durch seine zahlreichen Korrespondenzen, viele Hungerstreiks und letztlich seine Selbstverbrennung am 16.11.1977 bekannt wurde (ich arbeite an seiner Biographie). .- Wilfried Hüfler, Reutlingen, (49) 07127/972353

  2. geschrieben am 1. Februar 2008 um 10:58 Uhr | Permalink

    Manueller Trackback auf einen thematisch verwandten Artikel:

    Klimawandel: Think global, but act against local warming!

    Besten Dank.

  3. david buehlmann
    geschrieben am 25. März 2008 um 09:28 Uhr | Permalink

    Hallo Ueli Wilderberger.
    Ihr text ist genial. Er hat mir geholfen Gandhi besser zu verstehen.
    Danke.

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