Vor 80 Jahren, am 15. Januar 1929, wurde Martin Luther King junior geboren. Damit begann das Leben eines Menschen, dem dank seiner intellektuellen Brillanz und seines unerschĂŒtterlichen Mutes und Einsatzes ĂŒber seinen frĂŒhen Tod hinaus bleibende Bedeutung zukommt. Eine Frucht seines Engagements wird die Inauguration des ersten schwarzen PrĂ€sidenten der USA, Barack Obama, am 20.Januar 2009 ins PrĂ€sidentenamt sein.Martin Luther King ist neben Mahatma Gandhi wohl der bedeutendste und schöpferischste VorkĂ€mpfer der Gewaltfreiheit geworden. Seine Bedeutung liegt darin, dass er â wie Gandhi im Kontext des SĂŒdens â den gewaltfreien Widerstand als wirksame und erfolgreiche Strategie auch fĂŒr die Industriegesellschaften im Norden aufwies. Nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs und angesichts des herrschenden sozialen Unrechts in vielen LĂ€ndern erschlossen King und die BĂŒrgerrechtsbewegung mit ihren gewaltfreien Kampagnen eine neue Strategie der sozialen und politischen VerĂ€nderung - ohne endlose Gewaltspirale und Blutvergiessen. Aus der Sackgasse der Gegengewalt oder aber der PassivitĂ€t wies er einen neuen dritten Weg, den der aktiven Gewaltfreiheit, der â wie King öfters betonte â die positiven Aspekte beider Pole in sich vereint: Mit der Gegengewalt hat er gemeinsam, dass er sich aktiv gegen Unrecht einsetzt; mit der PassivitĂ€t, dass er auf Gewalt verzichtet und den Widerstand mit friedlichen Mitteln ausĂŒbt.
1968, das Todesjahr Kings, wurde weltweit zu einem geschichtstrÀchtigen Wendepunkt.
Der Mut und die Entschlossenheit der Schwarzen, Unrecht nicht lĂ€nger schweigend hinzunehmen, beflĂŒgelte Menschen in vielen Teilen der Welt, an ihrem Ort und auf ihre Weise aufzustehen und sich fĂŒr VerĂ€nderung auf eine bessere Welt hin einzusetzen.
Martin Luther King jr â ein Leben fĂŒr die Gewaltfreiheit
Martin Luther King jr wurde am 15.Jan.1929 als mittleres von drei Kindern geboren. Schon sein Vater Martin Luther King senior, verheiratet mit der Pfarrerstochter Alberta Williams, war hochangesehener Pfarrer in der Baptisten-Kirche in Atlanta. Der junge Martin war hochbegabt und schloss nach dem Theologiestudium am Crozer-Seminar in Pennsylvania seine Studien 1955 mit dem Doktorat in Boston ab. 19 53 heiratete er Coretta Scott, mit der er vier Kinder hatte. Schon 1954 trat er seine erste Pfarrstelle in Montgomery an.
Busstreik von Montgomery
Am 1. Dezember 1955 weigerte sich die 42-jĂ€hrige schwarze NĂ€herin Rosa Parks, ihren Sitzplatz im Bus an einen weissen Fahrgast abzugeben. â Ich bin einfach mĂŒde; meine FĂŒsse schmerzen. Ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet.â Der Fahrer rief die Polizei, die Rosa Parks verhaftete. Dies war das Signal zum Widerstand. Am nĂ€chsten Tag versammelten sich fast 50 angesehene schwarze BĂŒrger und beschlossen, ab dem 5. Dezember, dem Tag an dem Rosa Parks vor Gericht zitiert wurde, ihre Leute aufzufordern, die rassengetrennten Busse Montgomerys zu boykottieren. Etwa 7000 FlugblĂ€tter wurden verteilt. Und das Wunder geschah: Am Montagmorgen fuhren die Busse leer. Kein Schwarzer stieg in einen Bus. Auf allen nur möglichen und unmöglichen Arten gelangten sie zur Schule, an die Arbeit, ins College: zu Fuss, per Autostopp, per EinspĂ€nner. Am Abend hielt King an einer Massenversammlung eine leidenschaftliche Rede:â Wir sind heute abend hier versammelt, um denen, die uns so lange misshandelten zu sagen, dass wir genug haben â genug davon, segregiert und erniedrigt zu sein, genug davon, herumgestossen und brutal unterdrĂŒckt zu werden. Wir haben keine andere Möglichkeit, wir mĂŒssen protestieren. Viele Jahre haben wir eine unglaubliche Geduld gezeigt. Heute abend kommen wir hier zusammen, um von jeder Art von Geduld frei zu werden, die weniger einbringt als Freiheit und Gerechtigkeit. Die weissen BĂŒrgerrĂ€te und der Ku-Klux-Klan demonstrieren fĂŒr die Verewigung des Unrechts in der Stadt. Ihre Methoden fĂŒhren zu Gewalttat und Gesetzlosigkeit…In unsern Demonstrationen wird kein Weisser von einem maskierten Negerpöbel aus seinem Haus verschleppt und brutal ermordet werden. Es wird weder Drohungen noch EinschĂŒchterungen geben. Unser Handeln soll von den höchsten GrundsĂ€tzen des christlichen Glaubens diktiert sein. Ăber die Jahrhunderte hinweg sollen die Worte Jesu heute in unseren Herzen ein Echo finden: ‘Liebt Eure Feinde, segnet, die euch fluchen, bittet fĂŒr die, die euch beleidigen und verfolgen.’ Trotz der Misshandlungen, denen wir ausgesetzt sind, dĂŒrfen wir nicht bitter werden, und mĂŒssen aufhören, unsere weissen BrĂŒder zu hassen.Wenn ihr mutig und doch mit WĂŒrde und in der Liebe Christi kĂ€mpft, werden einmal spĂ€tere Generationen sagen: ,Hier lebte ein grosses â ein schwarzesVolk, das den Menschen ein neues GefĂŒhl der WĂŒrde eingeimpft hat’…â
Auch in den nĂ€chsten Tagen und Wochen ging der Busstreik ungebrochen weiter. Autobesitzer ĂŒbernahmen freiwillig Fahrten, schwarze Taxis nahmen Passagiere zum Bustarif mit. Tausende zogen es vor, lieber jeden Tag 1-2 Stunden zu Fuss zur Arbeit zu gehen als weiter diskriminert zu werden. Eine alte schwarze Frau meinte, als man sie fragte, warum sie sich nicht mitnehmen lassen wolle: âIch laufe nicht fĂŒr mich, ich laufe fĂŒr meine Kinder und Enkel.â Schliesslich zeigte der Streik Wirkung: Die Einnahmen der Busgesellschaften gingen um 65% zurĂŒck.
Aber auch der Hass vieler Weissen stieg. King erklĂ€rte: âWas wir tun, tun wir nicht allein fĂŒr die Schwarzen.Indem wir den Schwarzen befreien, befreien wir auch den Weissen von seinen falschen Anschauungen und unbewussten SchuldgefĂŒhlen gegenĂŒber jenen, denen er Unrecht tut.â Am 30. Januar wurde eine Bombe auf die Betonveranda von Kings Haus geworfen; zum GlĂŒck blieb seine Familie unverletzt. King rief der erregten Menge von seiner zerstörten Veranda aus zu: âBitte legt eure Waffen weg. Wir können dies Problem nicht durch Vergeltung lösen. Wir mĂŒssen der Gewalt mit Gewaltlosigkeit begegnen. Wir mĂŒssen unsere weissen BrĂŒder lieben gleichgĂŒltig, was sie uns antun…â
Inzwischen gewann der Busboykott landesweit an PublizitĂ€t. Am 22. MĂ€rz ‘56 verurteilte ein Gericht King zu 500 Dollar Strafe; dieser zog das Urteil weiter. Endlich am 20. Dezember 1956 kam der Durchbruch: Das oberste Bundesgericht erklĂ€rte die Rassentrennung in Bussen fĂŒr rechtswidrig. Nach ĂŒber einem Jahr hatte der Busstreik sein Ziel erreicht!
Der Erfolg der gewaltfreien Busstreik-Kampagne in Montgomery gab der BĂŒrgerrechtsbewegung in den USA einen gewaltigen Auftrieb. Ab 1960 entstanden in vielen StĂ€dten Komitees, die Sit-Ins (Besetzungen) in rassengetrennten Restaurants und der ‘Freiheitsfahrten’ von schwarzen und weissen StudentInnen in den SĂŒden der USA organisierten. Sie wurden in den StĂ€dten des SĂŒdens von hasserfĂŒllten Rassisten aus den Bussen gezerrt, misshandelt und verprĂŒgelt. Insgesamt nahmen 70 000 Menschen an gewaltfreien Sit-Ins teil. 3600 Leute gingen ins GefĂ€ngnis. 191 StudentInnen und 58 Professoren verloren ihre Studien- und ArbeitsplĂ€tze. Das Resultat: Ende 1961 gab es wesentlich weniger ‘weisse’ Restaurants, Kinos, SupermĂ€rkte etc. King ĂŒbernahm die FĂŒhrung der BĂŒrgerrechtsbewegung in Atlanta.
Der RĂŒckschlag von Albany in Georgia
Die örtliche Bewegung lancierte 1961 Aktionen zur Beseitigung der Rassendiskriminierung in Bahnhöfen, und riefen King und seinen MitkĂ€mpfer Ralph Abernathy zu Hilfe. An der Spitze von 250 DemonstrantInnen wurden sie verhaftet, Hunderte weiterer Inhaftierungen folgten. Am 24.Juli 1962 artete eine Demonstration von 2000 Jugendlichen aus: Sie griffen 170 Polizisten mit Flaschen und KnĂŒppeln an. King rief zu einem ‘Tag der Reue’ mit Gebeten und Mahnwachen auf. Aber das Bundesgericht verbot alle weiteren Aktionen der BĂŒrgerrechtsbewegung. Ein Beispiel, aus dem King und seine MitstreiterInnen ihre Lehren zogen.
Die Kampagne von Birmingham 1963
Birmingham war eine der StĂ€dte, die am radikalsten die Segregation von Weiss und Schwarz durchsetzten. Am 3. April 1963 begannen die schwarzen BĂŒrgerrechtlerInnen mit ihren ProtestmĂ€rschen. TĂ€glich wurden MĂ€rsche durchgefĂŒhrt, tĂ€glich warf die Polizei DemonstrantInnen ins GefĂ€ngnis. Nachdem schon etwa 500 inhaftiert waren, wurde auch MLKing festgenommen und in Einzelhaft gesetzt. Dort schrieb er an 8 Geistliche, die die gewaltlosen Protestaktionen als ‘unklug und zeitlich ungĂŒnstig’ kritisiert hatten, seinen berĂŒhmten Brief aus dem GefĂ€ngnis:
â… Sie fragen: Warum Sitzstreiks, AufmĂ€rsche und dergleichen? WĂ€re der bessere Weg nicht der der Verhandlung gewesen? Gerade das ist ja der Zweck der gewaltlosen direkten Aktion: Sie will eine Krise herbeifĂŒhren, eine schöpferische Spannung erzeugen, um damit eine Stadt, die sich bisher harnĂ€ckig gegen Verhandlungen gestrĂ€ubt hat, zu zwingen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Sie will diese Probleme so dramatisieren, dass man nicht mehr an ihnen vorbei kann…Wir bringen nur die bereits vorhandene, verborgene Spannung ans Tageslicht. …Ich bin beinahe zum Schluss gekommen, dass das grosse Hindernis auf dem Weg in die Freiheit nicht der Ku-Klux-Klan ist, sondern der gemĂ€ssigte Weisse, dem Ordnung mehr bedeutet als Gerechtigkeit, der einen negativen Frieden ohne Spannungen einem positiven Frieden, in dem Gerechtigkeit herrscht vorzieht…â
Kaum aus dem GefĂ€ngnis herausgekommen organisierten die Verantwortlichen Tausende schwarzer Schulkinder. Am 2. April marschierten sie mit dem Song ‘ We shall overcome’ in die Innenstadt. 959 Kinder liess der berĂŒchtigte Polizeichef ‘Bull’ Connor verhaften. Ein knapp 8 Jahre altes MĂ€dchen, als es von einem Polizisten gefragt wurde: âWas willst Du hier?â, schaute ihm unerschrocken in die Augen und sagte âFreiheit!â. Am nĂ€chsten Tag nahmen wiederum 1000 Kinder am Marsch teil. Diesmal hetzte Connor sogar Hunde auf sie und setzte Wasserwerfer ein. Die Wucht des Wassers warf die Kinder flach zu Boden, riss ihnen die Kleider vom Leib. Am 5.Mai, einem Sonntag, setzte sich der Marsch mit mehreren Hundert Erwachsenen von der ‘New Pilgrimage Baptist Church’ in Gang. âBull’ Connor befahl ihnen umzukehren. Reverend Billups, der den Zug anfĂŒhrte, weigerte sich höflich. Connor kam in Wut, drehte sich zu seinen MĂ€nnern um und brĂŒllte: âVerdammt! Wasser frei!â Was in den nĂ€chsten dreissig Sekunden geschah, gehört zu den phantastischsten Ereignissen von Birmingham. ‘Bull’ Connors Leute standen den Marschierern gegenĂŒber, die mörderischen SchlĂ€uche zum Einsatz bereit. Die Demonstranten starrten unverwandt zurĂŒck, furcht- und regungslos; viele von ihnen knieten und beteten. Langsam erhoben sich die Schwarzen und begannen vorwĂ€rts zu gehen.Connors Leute wichen wie gebannt zurĂŒck, die SchlĂ€uche hingen schlapp in ihren HĂ€nden, wĂ€hrend Hunderte von Schwarzen vorbeizogen und ungehindert ihre geplante Gebetsversammlung abhielten’â berichtet King in ‘Warum wir nicht warten können’
Dieses Ereignis brachte die Wende. WĂ€hrend die Widerstandsaktionen der Kinder weitergingen, und von Connor immer hĂ€rter beantwortet wurden, leitete die Regierung unter PrĂ€sident Kennedy Verhandlungen ein, die schliesslich am 10.Mai zu einem Friedensabkommen fĂŒhrten, das die vier zentralen Forderungen der BĂŒrgerrechtlerInnen erfĂŒllte.
Der grosse Marsch nach Washington
Der Marsch fĂŒr Arbeit und Freiheit mit 250 000 Teilnehmenden am 28.August 1963 zum Kapitol in Washington wurde zu einem Höhepunkt der BĂŒrgerrechtsbewegung. King hielt seine berĂŒhmte Rede: â…Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten HĂŒgeln von Georgia die Söhne frĂŒherer Sklaven und die Söhne frĂŒherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der BrĂŒderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und UnterdrĂŒckung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt. Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum, dass in Alabama, mit seinen bösartigen Rassisten, dass genau dort eines Tages kleine schwarze Jungen und MĂ€dchen die HĂ€nde schĂŒtteln mit kleinen weissen Jungen und MĂ€dchen als BrĂŒder und Schwestern…â
Im gleichen Jahr 1963 wird am 22.Nov. PrĂ€sident Kennedy ermordet. Im Jahr darauf, 1964 erhĂ€lt Martin Luther King den Friedensnobelpreis. In seiner Dankesrede hebt King hervor, dass â…dieser Preis anerkennt, dass Gewaltfreiheit die Antwort auf die entscheidende politische und moralische Frage unserer Zeit ist â die Notwendigkeit, dass Menschen UnterdrĂŒckung und Gewalt ĂŒberwinden, ohne zu Gewalt und UnterdrĂŒckung Zuflucht zu nehmen…â.
1965 ĂŒbersiedelt King mit seiner Familie in den Norden, in einen Slum von Chicago. Denn in den GrossstĂ€dten ist die Arbeitslosigkeit und soziale Misere der schwarzen Bevölkerung besonders drĂŒckend. Immer mehr greift er auch verwandte Themen auf, hĂ€lt in Washington seine berĂŒhmte Rede gegen den Vietnamkrieg. Im FrĂŒhling 1968 kommt es in Memphis zu gewaltsamen Protesten jugendlicher Schwarzer. King fliegt hin und bereitet einen neuen Anlauf vor, gewaltlos zu demonstrieren. Am 4.4.1968 trifft ihn die Kugel des Mörders.. Er ahnte seinen frĂŒhen Tod voraus. Der Mörder James Earl Ray wird kurz darauf selber umgebracht â die HintermĂ€nner der Ermordung Kings blieben bis heute unaufgedeckt.
Martin Luther King heute
seine bleibende Bedeutung fĂŒr die sozialen Bewegungen heute
Ăberzeugung bewĂ€hrt sich im konkreten Handeln
Schon als Kind erlebte MLKing, dass seine Eltern als Schwarze sich nicht alles gefallen liessen: Er erzĂ€hlt die Episode, wie sein Vater mit dem kleinen Martin an der Hand Schuhe einkaufen ging. Im SchuhgeschĂ€ft setzten sie sich auf zwei StĂŒhle im Vorraum, wurden aber vom VerkĂ€ufer höflich nach hinten komplimentiert. Kings Vater antwortete, er habe an diesen StĂŒhlen nichts auszusetzen. ‘Tut mir leid’ entgegnete der VerkĂ€ufer,’aber ich kann Sie hier nicht bedienen’. ‘ Entweder kaufen wir unsere Schuhe hier, oder wir kaufen gar keine’. Sprachs und verliess mit dem Sohn den Laden. (King: ‘Freiheit’)
Im Studium entdeckte der junge King nicht nur die soziale Dimension des Evangeliums, sondern kam durch VortrĂ€ge von A.J.Muste, des damals wohl bekanntesten GewerkschaftsfĂŒhrers und Friedensaktivisten der USA mit den Ideen des Pazifismus, und bald darauf mit den Ideen und Erfahrungen Mahatma Gandhis in BerĂŒhrung und wurde Mitglied des Internationalen Versöhnungsbundes. Ihre Ideen faszinierten ihn, denn sie erschlossen ihm einen neuen Weg, wie eine Haltung der unbedingten Achtung vor dem Menschen mit wirksamem gesellschaftlichem Handeln in Einklang gebracht werden kann.
Gewaltfreie Kampagnen bedingen gute Vorbereitung
King war ein glĂ€nzender Organisator, der es verstand, in Zusammenarbeit mit seinen MitstreiterInnen immer wieder neue, originelle Aktionsformen zu entwickeln, ganz konkrete Ziele zu formulieren, grössere Kampagnen Schritt fĂŒr Schritt sorgfĂ€ltig zu planen, seine MitkĂ€mpferInnen zu motivieren und zu ermutigen und gezielt auf schwierige Situationen vorzubereiten. Im Brief aus dem GefĂ€ngnis in Birmingham fasst er die vier grundsĂ€tzlichen Stufen einer gewaltfreien Kampagne zusammen:
- Information: Sammlung von Fakten ĂŒber die Ungerechtigkeit
- Verhandlung: Mit den Verantwortlichen wird der Dialog und Verhandlungen gesucht
- SelbstlĂ€uterung: In Vorbereitungstrainings wird zb in Rollenspielen die Frage geklĂ€rt: ?Kann ich SchlĂ€ge hinnehmen, ohne zurĂŒckzuschlagen? Kann ich die PrĂŒfung einer Verhaftung ertragen?’
- Direkte gewaltfreie Aktion
Viele Aktionsformen und TrainingsĂŒbungen wurden wegweisend auch fĂŒr spĂ€tere soziale Bewegungen und wirken bis heute nach.
Die charismatischen Rolle, die Martin Luther King als ĂŒberragender AnfĂŒhrer der BĂŒrgerrechtsbewegung spielte, war aber zugleich auch ihre Schattenseite und SchwĂ€che: Zu viel hing von ihm ab. Sie machte die Bewegung verletzlich. Nach Kings Tod verschĂ€rften sich die Spannungen, ein militanter FlĂŒgel spaltete sich ab. Mit der Zeit verlor die BĂŒrgerrechtsbewegung ihren Schwung, verschwand sie aus den Schlagzeilen.
Auch fĂŒr seine Familie war der pausenlose Einsatz von King eine grosse Belastung, auch wenn seine Frau Coretta sein Engagement aus ganzem Herzen teilte, und auch nach Kings Tod sein Engagement weitertrug.
Gewaltfreiheit muss grundsÀtzlich sein
Martin Luther King jr war ein begnadeter Redner, der seine ZuhörerInnen mitreissen konnte. Immer wieder gelang es ihm, aus seiner tiefen Ăberzeugung heraus auch in schwierigsten Augenblicken Klarheit und Mut fĂŒr den richtigen Weg zu finden. Unnachahmlich fasst er in seiner Predigt zu ‘Liebt Eure Feinde! (MatthĂ€us-Evangelium Kap 5, Verse 43-45) seine Grundhaltung der Gewaltfreiheit in die einprĂ€gsamen Worte:
â Unsern Gegnern sagen wir: Unsere Leidenskraft ist ebenso gross wie eure Macht, uns Leiden zuzufĂŒgen. Eurer physischen Gewalt werden wir mit seelischer Kraft begegnen. Tut mit uns, was ihr wollt, wir werden euch trotzdem lieben. Wir können euren ungerechten Gesetzen nicht mit gutem Gewissen gehorchen, denn wir sind nicht nur verpflichtet, zum Guten zu wirken, sondern auch, die Zusammenarbeit mit dem Bösen zu verweigern. Werft uns ins GefĂ€ngnis, wir werden euch trotzdem lieben. Werft Bomben in unsere HĂ€user, bedroht unsere Kinder, wir werden euch trotzdem lieben. Schickt eure Mietlinge in unsere Wohnungen, dass sie uns schlagen und halbtot liegen lassen, wir werden euch trotzdem lieben. Und seid sicher, dass wir euch mit unserer LeidensfĂ€higkeit ĂŒberwinden werden. Eines Tages werden wir die Freiheit gewinnen. Aber sie wird nicht nur fĂŒr uns selber errungen werden. Wir werden so lange an euer Herz und eure Seele appellieren, bis wir auch euch gewonnen haben. Und dann wird unser Sieg ein doppelter Sieg sein.â
Im Buch ‘Freiheit’ fasst King die wichtigsten GrundsĂ€tze in fĂŒnf Punkten zusammen:
Zuerst muss betont werden, dass gewaltloser Widerstand keine Methode von Feiglingen ist. Es wird Widerstand geleistet. Wenn jemand nur aus Angst oder SchwÀche diese Methode anwendet, handelt er nicht gewaltlos. Deshalb hat Gandhi oft gesagt, man solle, wenn man bloss die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt hat, lieber kÀmpfen.Aber er wusste, dass es immer noch eine andere Möglichkeit gibt: den Weg des gewaltlosen Widerstands.Das ist letzten Endes der Weg der Starken.
Der gewaltlose Widerstand will den Gegner nicht vernichten oder demĂŒtigen, sondern seine Freundschaft und sein VerstĂ€ndnis gewinnen. Wer gewaltfreien Widerstand leistet, muss oft durch Boykotte oder Nichtzusammenarbeit protestieren. Aber diese Mittel sind nicht Selbstzweck. Sie sollen beim Gegner nur ein GefĂŒhl der Scham wecken. Der Zweck ist Wiedergutmachung und Aussöhnung. Die Frucht ist eine neue enge Gemeinschaft, wĂ€hrend die Folge der Gewalt tragische Verbitterung ist.
Drittens will der AnhĂ€nger des gewaltfreien Widerstands das Böse vernichten, nicht die Menschen, die das Böse tun.Ich sage es den Leuten in Montgomery gern so:â Die Spannung in dieser Stadt besteht nicht zwischen Weissen und Schwarzen, sondern zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Wir wollen die Ungerechtigkeit vernichten, und nicht weisse Menschen, die ungerecht sind.
Wichtig ist viertens die Bereitschaft, DemĂŒtigungen hinzunehmen ohne sich zu rĂ€chen, und SchlĂ€ge, ohne zurĂŒckzuschlagen. â Vielleicht mĂŒssen Ströme von Blut fliessen, ehe wir unsere Freiheit gewinnen, aber es muss unser Blut sein.â sagte Gandhi zu seinen Landsleuten. Ein AnhĂ€nger der Gewaltfreiheit ist bereit, wenn es sein muss, GewalttĂ€tigkeiten hinzunehmen, aber niemals andern zuzufĂŒgen. Wenn er ins GefĂ€ngnis muss, geht er.
FĂŒnftens lĂ€sst sich der AnhĂ€nger des gewaltfreien Widerstands weder Ă€usserlich noch innerlich zur Gewalt hinreissen. Er weigert sich nicht nur, seinen Gegner niederzuschiessen, sondern auch, ihn zu hassen.Im Mittelpunkt der Lehre von der Gewaltfreiheit steht das Gebot der Liebe. Er kĂ€mpft darum, dass die unterdrĂŒckten Völker der Welt in ihrem Ringen um MenschenwĂŒrde nicht verbittert werden und sich in HassfeldzĂŒgen ergehen.
Leidensbereitschaft ist eine StÀrke
Martin Luther King stand spÀtestens seit dem Busboykott unter stÀndiger Bedrohung.
Mehrere Male wurden Bombenattentate auf sein Haus verĂŒbt; etwa 120 Mal wurde er verhaftet, am 19. September 1958 verletzte ihn eine Frau lebensgefĂ€hrlich.
Auch Martin Luther King kannte Angst und Verzweiflung. In schlaflosen NÀchten rang King um Klarheit, legte im Gebet seine Mutlosigkeit und innere Leere in Gottes HÀnde und schöpfte immer wieder neue Hoffnung und Kraft aus seinem Glauben.
Gott als tragender Grund
Martin Luther King war zutiefst verwurzelt in seinem Gottesvertrauen. Nicht nur öffnete das Beispiel Jesu schon frĂŒh seine Augen fĂŒr den Einsatz fĂŒr SchwĂ€chere und gegen Unrecht, und inspirierte ihn mit seinem Gebot der Feindesliebe. Liebe wie sie sich im Leben unseres Schöpfers so wunderbar ausdrĂŒckt, ist die bestĂ€ndigste Macht der Welt. Mögen wir begreifen,dass wir niemals wirklich Kinder unseres himmlischen Vaters sein können, solange wir nicht unsere Feinde lieben und fĂŒr unsere Verfolger beten.( aus Kings Predigt zu ‘Liebt Eure Feinde!’)
Ueli Wildberger